Wie aus anderthalb Zimmern eine Zweiraumwohnung wurde. Zur Entstehung und Karriere eines ostdeutschen Regionalismus

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Kuvaus

Zu den lexikalischen Besonderheiten des Sprachgebrauchs in der DDR gehörte die Tatsache, dass in den allermeisten Wohnungsanzeigen, aber auch im Alltag die Größe von Wohnungen in der Form von Komposita mit dem Grundwort raumwohnung, das sich als Lemma auch bei Wolf (2000: 190) findet, (also beispielsweise Dreiraumwohnung, Wolf [2000: 46] oder 3-Raum-Wohnung) angegeben wurde. Dieses Kompositum hat sich, wie Reiher (2000: 39–41) zeigt, bis weit in die 1990er Jahre gehalten (vgl. auch Lenk 2006: 102).
Über die Motivierung dieser DDR-typischen (oder gar spezifischen) Wortbildungskonstruk-tion heißt es: „Offizielle Bezeichnung für eine Wohnung mit drei Wohnräumen. Ursprünglich geprägt zur Verschleierung der eigentlichen Zimmergröße in Neubauwohnungen und zur Aufwertung aller halben Zimmer. Später auch umgangssprachlich und in Inseraten (Su-che/Tausche) gebräuchlich.“ (Wolf 2000: 46) Im Westen, etwa in Inseraten der Berliner Mor-genpost, war der Ausdruck hingegen gar nicht zu finden. Dies sei auch „nicht verwunderlich. Wurden doch bis in die 70er Jahre auch in der DDR ausschließlich ‚Zimmer‘-Wohnungen ge- und vermietet. Erst infolge der sozialpolitischen Maßnahmen gegen Ende der 70er Jahre, die das Wohnungsproblem als ‚soziales Problem‘ zu lösen versprachen, mutierten die kleiner werdenden Zimmer, insbesondere die halben Zimmer, zu Räumen. Aber prinzipiell bestand auch eine Dreiraumwohnung neben Bad, Küche und Korridor aus drei Zimmern.“ (Reiher 2000: 41). In den 1980er Jahren hatte die Raum-Variante die Zimmer-Bezeichnung in der DDR fast vollständig verdrängt (Järvi 1997).
Diese Legende über die ideologisch motivierte Lancierung der Raum-Bezeichnung, die ich in den 90er Jahren im Textsorten-Unterricht in Helsinki auch selbst verbreitet hatte, hält einer sprachhistorischen Prüfung nicht ganz stand. Im Vortrag soll gezeigt werden, wann und in welcher Form die Bezeichnung Raum als Grundwort von Komposita zur Bezeichnung von Wohnungsgrößen in historischen Wohnungsanzeigen zuerst auftrat und welche Karriere sie im Laufe der Nachwendezeit nahm. Dabei kommen auch Zusammenhänge zwischen Wohnkultur und Sprachentwicklung ins Blickfeld.
Aikajakso30 elok. 2018
Tapahtuman otsikkoZweites Treffen des Netzwerkes „KULI – Kulturbezogene und kulturanalytische Linguistik”
Tapahtuman tyyppiKonferenssi
SijaintiBasel, SveitsiNäytä kartalla
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